Fachtagung "Perspektiven für Menschen mit Down-Syndrom"


5. Österreichische Down Syndrom Tagung in St. Virgil Salzburg vom 25.-27. September 2015.

Der Down Syndrom Award 2015 ging an Sabine Berndt für die Entwicklung des LOVT-Konzepts

in der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien.

vl: S. Berndt, S. Fürnschuß-Hofer, P. Pineda, B. Sebald, M. Cohen.
vl: S. Berndt, S. Fürnschuß-Hofer, P. Pineda, B. Sebald, M. Cohen.
vl: B. Sebald, S. Berndt, S. Fürnschuß-Hofer, P. Pineda, M. Cohen.
vl: B. Sebald, S. Berndt, S. Fürnschuß-Hofer, P. Pineda, M. Cohen.



Bericht der katholischen Presseagentur "Kathpress" v. 28.09.2015

Mehr Entwicklungschancen für Kinder und Jugendliche mit Down Syndrom haben Experten und Betroffene bei der dreitägigen Down Syndrom Tagung gefordert, die am Sonntag in Salzburg zu Ende gegangen ist: Es fehle an Lehrstellen, zudem sei Österreich eines der wenigen Länder, in denen Betroffene nach dem Pflichtschulabschluss kein Anrecht mehr auf Bildung haben. "Gerade bei begabten Kindern mit großem Potenzial, die einfach nur ein langsameres Lerntempo haben, hat diese Tatsache große Auswirkungen", kritisierte die Vorsitzende von Down Syndrom Österreich, Brigitte Sebald, im Interview mit der katholischen Presseagentur "Kathpress". Inklusion von Menschen mit Down Syndrom könne sehr gut gelingen, erfordere jedoch den Beitrag aller in der Gesellschaft.

Die alle drei Jahre stattfindende Tagung ist die einzige österreichweite Großveranstaltung zum Thema Down Syndrom und eine wichtige Informationsplattform für Eltern, Pädagogen, Therapeuten und Ärzte. Unter den 650 Teilnehmern waren auch 100 Jugendliche und junge Erwachsene mit Down Syndrom anwesend und aktiv eingebunden. Unterstützt wurde das Treffen vom Bildungshaus St. Virgil Salzburg als Gastgeber sowie von der Erzdiözese Salzburg.

 

Große Rückstände bei der Inklusion sieht die Expertin bei der Arbeitssituation: Die für Teilqualifizierungen besonders wertvollen Lehrstellen sind rar, und nur wenige Betriebe sind bisher dem Beispiel von Baumax-Gründer Karlheinz Essl gefolgt und lassen sich auf ein Arbeitsverhältnis von Menschen mit geistiger Behinderung ein. Sebald appellierte an die Unternehmer zu mehr Mut und verwies auf viele positive Erfahrungen, die auch bei der Tagung präsentiert wurden.

 

So berichtete etwa ein Bäcker aus Bad Goisern, er habe immens profitiert: Sein Betriebsklima habe sich "um vieles verbessert" mit der Anstellung eines Jugendlichen mit Down Syndrom, der mit seinem Kommunikationstalent "viel Freude, Humor und Wärme" gebracht habe, was auch die Gäste der dazugehörenden Cafeteria spüren würden.

 

Die Hürden für die Selbstbestimmung beginnen in Österreich jedoch bereits im Kindesalter. "Ab der 9. Schulstufe gibt es für Jugendliche mit Down Syndrom kein integratives Angebot mehr. Es ist absurd und diskriminierend, dass Menschen, die etwas langsamer sind, ab 14, 15 Jahren nicht mehr lernen dürfen", kritisierte Sebald. Schulische Integration sei in Österreich nicht selbstverständlich aufgrund vieler Berührungsängste, für die es einfache Lösungen gäbe: "Etwa in Portugal kann man nicht Lehrer werden, wenn man nicht gleichzeitig auch die Sonderschulausbildung macht", verdeutlichte die Vereinsvorsitzende. Nicht jeder mit Down Syndrom könne studieren, "doch man darf nicht von vornherein ausgehen, dass der Betreffende es nicht kann".

 

"Präsentiert Anderssein mit Stolz!"

 

Dass es anders geht, zeigt das Beispiel von Pablo Pineda Ferrer. Der 41-jährige Spanier ist Lehrer, Autor, Schauspieler, Redner und der erste Europäer mit Down-Syndrom und Universitätsabschluss. Seine Botschaft in Salzburg: "Habt keine Komplexe, präsentiert euer Anderssein mit Stolz, kämpft selbstbewusst um Inklusion. Zeigt der Gesellschaft, was ihr geben könnt und welche Fähigkeiten ihr habt!"

 

Pineda führte seine eigene Inklusion darauf zurück, dass er von klein auf von Eltern, der Familie, Nachbarn und Schulkollegen "normalen" Umgang erfahren durfte: "Ich bin stets akzeptiert worden, wie ich war, und bekam auch die Chance zu lernen, was ich lernen wollte." Nach Volks- und Mittelschule sowie Oberstufe schaffte Pineda auch die Hochschule, dank schrittweisen Besserungen der spanischen Gesetzeslage.

 

Pinedas Biographie ist für viele mit Down Syndrom durchaus realistisch, betonte bei der Salzburger Tagung die Therapeutin Sabine Berndt. Leider würden die Betroffenen in ihren Fähigkeiten und Potenzialen deutlich unterschätzt. "Traut ihnen mehr zu - sie können viel mehr als man annimmt", appellierte Berndt an die Gesellschaft. Mittlerweile gibt es bereits eine Reihe von Methoden zur Entwicklungsförderung von Kindern mit Down Syndrom, darunter das von Berndt entwickelte Lösungsorientierte Verhaltenstraining (LOVT), bei dem die Videoanalyse zum Einsatz kommt.

 

Eltern empfänden beim Down Syndrom ihres Kindes anfangs oft eine Art Schock oder unrealistische Ängste und Ungewissheit - weil sie zu wenig Vorstellung davon haben, wie ein solches Leben verlaufen kann, wurde bei der Tagung deutlich. Durchaus könne es dabei "anders als gewünscht, aber eigentlich besser" sein, wie Simone Fürnschuß-Hofer, Mutter eines 13-Jährigen, erklärte. "Mit Valentin erleben wir viele magische Momente, die es ohne ihn in unserer Familie nicht geben würde." Wesentlich seien in betroffenen Familien wie auch allgemein bei jedem Kind "sichere Bindungen und die Erfahrung eines unbedingten Angenommenseins als Mensch".

 

Nicht über, sondern mit Down Syndrom

 

Für die Entwicklung der LOVT-Therapie bekam Berndt den "Down Syndrom Award 2015". Ein weiterer Award für das Lebenswerk ging an Cora Halder, die langjährige Vorsitzende der Europäischen Down Syndrom Vereinigung. Sie habe "als Autorin und Herausgeberin, Lehrerin und Anwältin von Menschen mit dem gewissen Extra in den letzten 30 Jahren medial, inhaltlich und vor allem mit großartigem Engagement das Bild von Menschen mit Down Syndrom in der Öffentlichkeit nachhaltig verändert", hieß es in der Jurybegründung.

 

Lob für die Veranstaltung gab es von ihrem Stargast Pablo Pineda Ferrer: Dank der aktiven Einbindung der anwesenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Down Syndrom sei der sein "bisher schönster Kongress" gewesen, würdigte der begehrte Redner den Einsatz der Organisatoren; zum ersten Mal habe eine derartige Großveranstaltung "nicht über, sondern mit Down Syndrom" stattgefunden. Die Betroffenen moderierten selbst Workshops und Präsentationen, absolvierten ein Arbeitstraining und waren mit zahlreichen künstlerischen Darbietungen während der drei Tage ständig präsent.