Lernblockaden, Verweigerung, Wutanfälle - Erfahrungen mit dem LOVT-Konzept


Lernblockaden, Verweigerung, Wutanfälle.

 

Durch das LOVT-Konzept entwickelte Lea (DS 13 J.) Freude am Lernen und Einhalten von Regeln!

 

Erfahrungsbericht von Eva Jürgensen

Lea ist ein freundliches Mädchen auf dem Wege, eine junge Dame zu werden. Sie ist äußerst lebenslustig und humorvoll. Trotz allem hat sie ihren Dickkopf wie viele Menschen, die mit dem Down-Syndrom leben. In der letzten Zeit hat sie sich jedoch vielen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, verweigert, z.B. auch dem Lesen-lernen. Zur Bewältigung dieser Schwierigkeiten habe ich intensiv nach Lösungen gesucht und bin durch ein Seminar bei Kids Hamburg e.V. auf das LOVT-Konzept gestoßen. Über unsere Erfahrungen mit dieser Methode möchte ich hier berichten, ohne auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse einzugehen, die diesem Konzept zugrunde liegen, da diese sehr gut in der Literatur beschrieben werden. (1)

 
Ich möchte an dieser Stelle meine persönlichen Beweggründe, Empfindungen und Erfahrungen mitteilen, denn ich weiß, dass es vielen Eltern von Kindern mit Down-Syndrom oder ähnlichen Handicaps ähnlich ergeht wie mir und meiner Tochter.

Als ich im März 2009 bei Kids Hamburg e.V. an dem Seminar „LOVT-Konzept“ teilnahm, wurde mir schon nach kurzer Zeit bewusst, dass dieses Konzept geeignet sein könnte, meiner Tochter Lea mit Down-Syndrom (DS) 13, aus ihrer Verweigerungshaltung herauszuhelfen.

Lea versteckte seit einiger Zeit ihre Schulhefte, wenn Hausaufgaben zu erarbeiten waren, verweigerte jegliches Lesen (jedenfalls mit mir) und war, vielleicht auch aufgrund ihrer Pubertät, noch bockiger als sonst. Ich hatte schon so vieles probiert, es gelang mir aber nicht, Leas ablehnendes Verhalten zu beeinflussen.

Jetzt sah ich während des Vortags im Seminar Videoaufzeichnungen einer sehr engagierten und überaus geduldigen Mutter, die ich nur bewundern konnte. Ihr Kind verweigerte sich den gestellten Anforderungen, und sie probierte geduldig alles Mögliche, um das Kind zu motivieren. Frau Poggendorf von der Ergotherapie-Praxis Sabine Berndt kommentierte zusammen mit Frau Berndt die Aufzeichnungen. Schnell fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Mutter war es, die ihr Kind zur Verweigerung motivierte! Sie lächelte ihr Kind in dem Moment, in dem es verweigerte, freundlich an, bot äußerst kreativ Alternativen an, und sobald das Kind dann endlich mitmachte, war die Mutter dann schon so erschöpft, dass sie ihr Lächeln einstellte. Das Kind hatte jedoch Freude an der Zuwendung der Mutter und an ihrem Lächeln und begann erneut zu verweigern. Damit motivierte es die Mutter, sich dem Kind erneut zuzuwenden.Viele Anteile dieses Verhaltens hatte auch ich mir angewöhnt. Immer wieder habe ich Brücken gebaut, Mittel und Wege gesucht, die Anforderungen des Lebens für Lea erlernbar zu machen. Auf dem im Video gezeigten Wege ist es Lea anscheinend gelungen, mehr und mehr mich zu motivieren, als selbst aktiv zu werden.
Schon in der Pause des Seminars setzte ich mich mit Frau Sabine Berndt, die das Seminar leitete, in Verbindung, um Lea in ihrer Praxis anzumelden.

Ich war sehr erfreut, als ich relativ schnell, noch im Frühjahr 2009, einen Termin zum Vorstellen in der Praxis erhielt. Ich besorgte mir vom Kinderarzt eine Heilmittel-Verordnung für Ergotherapie. Ziel war es, die Gründe für Leas Verweigerungsverhalten zu ermitteln und ihre Anstrengungsbereitschaft zu aktivieren. Zunächst musste ich einen langen Fragebogen ausfüllen und ein persönliches Gespräch führen. Es folgten die ersten gemeinsamen Termine mit Lea, die gleich mit Videoaufzeichnungen fest gehalten wurden, damit eine genaue Analyse durchgeführt werden konnte.

Lea und ich spielten, planten eine Aktivität und machten gemeinsam Hausaufgaben. Zunächst lief alles bestens, und ich glaubte schon, dass wir gar keine Therapie benötigten. Doch bei den gemeinsamen Hausaufgaben passierte es dann: Die Stifte flogen durchs Zimmer, das Heft landete auf dem Boden, Lea verweigerte sich total mit Wutausbruch, Geschrei und allem Drum und Dran.
Ich wusste nicht weiter. Das war mir schon unangenehm, und ich hatte auch schon Befürchtungen, als „Versagerin“ oder „schlechte Mutter“ zu erscheinen. Frau P. war jedoch äußerst motivierend und wertschätzend und hob zu jeder Zeit hervor, was besonders gut lief, und gab mir in einfühlsamer aber sehr bestimmter Art und Weise Tipps. Da es ja auch mein Ziel war, gerade dieses Verhalten von Lea zu verbessern, damit sie sich zukünftig nicht mehr selbst im Wege steht, und mein Leben mit ihr möglichst entspannt sein soll, war ich für jeden Hinweis mehr als dankbar. Diese Videoaufnahmen dienten der genauen Problemanalyse, in die auch Lea mit einbezogen wurde. So wurde die erste Videoaufnahme zunächst mit mir allein und dann mit Lea allein angesehen und besprochen.
Das Vorteilhafte am Video ist, dass man es an jeder Stelle anhalten und Körperhaltung, Mimik und die Interaktion genau analysieren kann.

Ich lernte während der Besprechung des Videos, dass es Lea um Machtkampf geht. Dieser bereitete ihr Freude, das konnte man genau an ihrem Gesicht und ihrer Körperhaltung erkennen. Ihr Ziel war also nicht zu lernen, sondern mich auszutricksen und damit auch noch extra Zuwendung zu erhaschen. Mit ihrem Verhalten motivierte sie mich, in Aktion zu treten und mich ihr ganz besonders intensiv zuzuwenden … ganz schön schlau!

Lea lernte während des Betrachtens, sich selbst zu reflektieren und zu schauen, wann sie Freude am gemeinsamen Tun hatte. Sie konnte betrachten, wann alles gut für sie lief und wann es anfing, unangenehm für sie zu werden.

Lea fand es super, allein mit Frau P. zu sein und mit ihr „Fernsehen“ zu gucken, sich selbst im Apparat zu betrachten. Als ich dann wieder dazu kam, um gemeinsam in die Interaktion zu gehen, kam der nächste lautstarke Wutausbruch. „Nein, Mama soll nicht mit, ich will das alleine…“ Ich verstand Lea gut. War sie doch in der Pubertät, da löst man sich ja von der Mutter und möchte gerne selbstständig sein. Also suchte ich nach Möglichkeiten, es Lea zu erleichtern und bot an, dass sie dann auch ein Heft aus dem Wartezimmer mitnehmen könne. Frau P. machte mich sofort darauf aufmerksam, dass Lea auch ohne Buch in die Therapie kommen kann. In der Therapie wird gearbeitet und kein Buch angeschaut. Recht hat sie! Warum traute ich das meiner 13-jährigen Tochter eigentlich nicht zu? Lea meckerte und weinte und kam zunächst nicht mit. Frau P. blieb jedoch gelassen und nutzte die Zeit für ein Gespräch mit mir. Schließlich kam Lea doch, hatte sich beruhigt, und wir führten die ersten Regeln ein:
„Gut zuhören“ , „Gut mitmachen“, Nicht meckern“. Lea schrieb es selber auf, und wir führen die Klammer ein, die bei jedem Nichtbeachten einer Regel ein Kästchen weiter rutscht.

Jetzt arbeiteten wir mit dem Lese-Lern-Programm des LOVT-Konzeptes und merkten, dass Lea wesentlich mehr konnte, als sie mir bisher gezeigt hatte. Ich lernte, sie für positives Verhalten SOFORT und IMMER WIEDER zu loben. Das ist wichtig, damit sie an ihrem eigenen Erfolg freut und die Zuwendung spürt, die sie durch erwünschtes Verhalten bekommt. Natürlich meckerte Lea anfangs noch sehr, wenn ihr etwas nicht sofort gelang. Ich schob dann schnell und ohne Kommentar die Klammer ein Kästchen weiter. Abgemacht war, dass Fernsehverbot ausgesprochen wurde, wenn die Klammer auf Kästchen 10 landete.

Das passierte auch relativ schnell und Lea protestierte und weinte lautstark. Frau P. blieb ganz entspannt, was mir wiederum half, ebenfalls entspannt zu bleiben. „Fernsehverbot ist nicht so schlimm Lea, nächstes Mal geht es bestimmt besser, ich hab dich trotzdem lieb.“ Aber ich blieb fest. Freundlich und konsequent.
In der folgenden Zeit gab Lea sich immer mehr Mühe und erlebte Erfolge beim Lernen. Sie ging sehr gerne zu Frau P. und übte gerne Lesen mit mir zu Hause.

In den Sommerferien übte ich jeden Tag mit Lea Lesen nach diesem Konzept.
Ich hatte inzwischen gelernt, selber zu bestimmen (und nicht mit Lea zu diskutieren) wann das Lesen stattfinden sollte. Ich entschied mich für „nach dem Frühstück“ und so wurde es zu einem Ritual, das Lea bald nicht nur akzeptierte, sondern regelrecht danach fragte! Kaum war das Frühstück beendet, erinnerte Lea: „Mama, wir müssen noch lesen“, und holte selbständig ihre Unterlagen! Lea hatte plötzlich Spaß am Lesen, sie entwickelte Freude an ihrem eigenen Erfolg und war mächtig stolz auf sich selber.
Nie wieder landete die Klammer auf dem Kästchen mit der Nummer 10. Nicht ein einziges Mal! Lea beobachtet die Klammer ganz genau und hatte immer guten Augenkontakt zu mir während unserer Übungen.

Nach den Ferien wurden wir von Frau P. mächtig gelobt. Lea hatte viele Fortschritte gemacht. Wir mussten jedoch noch lernen, auf Genauigkeit beim Lesen zu achten, auf langsames Vorgehen mit vielen Wiederholungen, auch wenn es schwer fiel.
Lea machte jetzt äußerst gut mit und hatte auch ihre Freude daran, sich im „Fernsehen“ bei ihren Fortschritten zu beobachten.

Schon im Herbst teilte Frau P. uns mit, dass Leas Ziel jetzt das Lernen und nicht mehr ihre Verweigerung sei. Lea zeigte Verweigerung nur noch sehr selten und nie mehr so beharrlich wie in den vergangenen Monaten. Frau P. wäre bereit, uns aus der Therapie zu entlassen, da wir ohne fremde Hilfe gut allein klar kämen.Ich war sehr erstaunt, wie schnell das ging. Aber Frau P. hatte Recht. Ich als Mutter erwartete von Lea mehr Selbständigkeit und traute ihr viel zu, und Lea hatte gelernt, dass sie Fortschritte machen konnte, ohne auf meine Zuwendung verzichten zu müssen.
Bevor wir die Arbeit mit Frau P. beendeten, gab uns Frau P. noch Tipps für den Alltag. Lea bekommt jetzt für selbstständiges Handeln jeweils einen Smiley. So hat sie einen Ansporn, in den verabredeten Situationen selbstständiger zu werden.

Dieses System klappt sehr gut und hat für uns noch einen weiteren Lerneffekt. Da Lea bisher wenig Gefühl für Geld hat, tausche ich jeden Smiley für 10 Cent ein. So hat Lea am Ende der Woche zwischen 2 und 3 Euro Taschengeld, das sie sich selbst verdient hat. Sie lernt dadurch auch besser, den Wert des Geldes einzuschätzen, z.B. viele Smileys eine Kassette oder CD, wenig Smileys z.B. ein Überraschungs-Ei.

Insgesamt gesehen hat Lea im letzten Jahr enorme Fortschritte gemacht, was ihre Motivation angeht. Sie ist so motiviert, dass sie jetzt sofort nach der Schule ihre Hefte auspackt und selbständig Hausaufgaben macht. Sie freut sich an ihren Fortschritten, sie leistet kleine Aufgaben im Haushalt (Möhren putzen, Tisch decken) und hat viel Freude daran, selbständig zu werden. Ich selber bin konsequenter geworden, fordere Lea mehr, nehme ihr weniger ab, traue ihr mehr zu, mache klarere Aussagen und bleibe auch viel gelassener bei Konflikten. Ich bin sehr froh, dass wir die Hilfe von Frau P. bekommen haben. Für uns war das LOVT System genau das Richtige!

 

1) Positiv Lernen
Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigungen zu Legasthenie und Dyskalkulie.
Das IntraAct Plus-Konzept, Jansen · Streit, ISBN 3-540-21272-8

2) Lesen und Rechtschreiben lernen nach dem IntraAct Plus-Konzept
Jansen · Streit · Fuchs, ISBN-13 978-3-540-72934-1


Liebe Frau Berndt,

 

es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Sie denke, und es vergeht fast kein Tag, an dem wir nicht von Ihnen sprechen:

 

Wir durften im Mai in Leoben im Down-Syndrom-Zentrum ein Wochenendseminar bei Ihnen besuchen. Ich hoffe, Sie können sich noch an uns und unseren Sohn Julian erinnern. Jede ihrer Pausen haben sie dazu genutzt, Julian das Essen von fester Nahrung beizubringen. Ab diesem Tag wurde der Pürier-Stab weggepackt. Julian isst nun mit großer Begeisterung und Appetit Würstel, Nudeln mit Soße und Eiern, Reis, Suppen, Palatschinken, Milchreis und mittlerweile so ziemlich alle festen Süßspeisen. (Weiches) Fleisch akzeptiert er mittlerweile auch ohne großes Theater, obwohl er dazu oft seinen Papa zur Unterstützung ruft: Mein Mann muss ihm dann die Stirn halten und dann geht es auch meistens!  Als seelische Unterstützung und geschmacksverstärkende Wirkung holt er sich auch immer wieder Ketchup!

Ja und wir wissen, dass wir das ohne Sie nicht geschafft hätten und ich möchte Ihnen auf diesem Wege unseren allerherzlichsten Dank aussprechen. Ich bin Ihnen so dankbar, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann!

 

Mein Mann und ich sprechen auch oft von Ihrem Seminar und Worte wie “Anstrengungsbereitschaft” und “Konsequenz”  sind aus unserem Wortschatz nicht mehr wegzudenken. Ganz wichtig für uns war auch ihre Aussage, dass meist das Ergebnis beurteilt wird, und nicht die Intensität der Anstrengung.  Das “Zeitfenster” hat in unserem Alltag auch einen wichtigen Platz eingenommen.

 

Nach dem Seminar haben wir uns das IntraActPlus Konzept besorgt. Julian lernt gerne damit. Meistens mit großer Begeisterung, manchmal interessiert es ihm gar nicht. Er freut sich aber ungemein, wenn er wo Buchstaben entdeckt und die dann lesen kann. (Seine jüngere Schwester Marlena, sie wird im November 4, würde am liebsten den ganzen Tag lesen und das steckt Julian dann doch auch an, wenn es ihm mal nicht so freut). Wir haben den Eindruck, dass es ihm auch beim Sprechen lernen unterstützt. Mein Mann und ich haben uns schon öfters überlegt, ob Julian beim Sprechen vielleicht eine ähnliche “Blockade” wie beim Essen fester Nahrung hat. Manchmal, wenn er nicht nachdenkt, rutschen ihm (schwierige) Wörter raus und man hat dann den Eindruck, dass ihm das beinahe unangenehm sei und er wiederholt sie meist auch nicht mehr. Wir hoffen sehr, dass er bis zum Schuleintritt im nächsten Jahr mit der Sprache Fortschritte macht. Er versteht jedes Wort, jede Aufforderung blitzschnell, aber beim sprachlichen Ausdruck hat er nur wenige Worte.

 

Liebe Frau Berndt, ich kann mich nur wiederholen: DANKE, Danke dafür, dass Sie Julians und unser Leben so bereichert haben und uns täglich in unserem Leben mit ihren Gedanken und Worten begleiten und unterstützen.

 

Ihre

Doris Seidl