LOVT - Workshop-Teilnehmereindrücke

Lernblockaden, Verweigerung, Wutanfälle - Erfahrungen mit dem LOVT-Konzept


Liebe Frau Berndt,

 

es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Sie denke, und es vergeht fast kein Tag, an dem wir nicht von Ihnen sprechen:

 

Wir durften im Mai in Leoben im Down-Syndrom-Zentrum ein Wochenendseminar bei Ihnen besuchen. Ich hoffe, Sie können sich noch an uns und unseren Sohn Julian erinnern. Jede ihrer Pausen haben sie dazu genutzt, Julian das Essen von fester Nahrung beizubringen. Ab diesem Tag wurde der Pürier-Stab weggepackt. Julian isst nun mit großer Begeisterung und Appetit Würstel, Nudeln mit Soße und Eiern, Reis, Suppen, Palatschinken, Milchreis und mittlerweile so ziemlich alle festen Süßspeisen. (Weiches) Fleisch akzeptiert er mittlerweile auch ohne großes Theater, obwohl er dazu oft seinen Papa zur Unterstützung ruft: Mein Mann muss ihm dann die Stirn halten und dann geht es auch meistens!  Als seelische Unterstützung und geschmacksverstärkende Wirkung holt er sich auch immer wieder Ketchup!

Ja und wir wissen, dass wir das ohne Sie nicht geschafft hätten und ich möchte Ihnen auf diesem Wege unseren allerherzlichsten Dank aussprechen. Ich bin Ihnen so dankbar, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann!

 

Mein Mann und ich sprechen auch oft von Ihrem Seminar und Worte wie “Anstrengungsbereitschaft” und “Konsequenz”  sind aus unserem Wortschatz nicht mehr wegzudenken. Ganz wichtig für uns war auch ihre Aussage, dass meist das Ergebnis beurteilt wird, und nicht die Intensität der Anstrengung.  Das “Zeitfenster” hat in unserem Alltag auch einen wichtigen Platz eingenommen.

 

Nach dem Seminar haben wir uns das IntraActPlus Konzept besorgt. Julian lernt gerne damit. Meistens mit großer Begeisterung, manchmal interessiert es ihm gar nicht. Er freut sich aber ungemein, wenn er wo Buchstaben entdeckt und die dann lesen kann. (Seine jüngere Schwester Marlena, sie wird im November 4, würde am liebsten den ganzen Tag lesen und das steckt Julian dann doch auch an, wenn es ihm mal nicht so freut). Wir haben den Eindruck, dass es ihm auch beim Sprechen lernen unterstützt. Mein Mann und ich haben uns schon öfters überlegt, ob Julian beim Sprechen vielleicht eine ähnliche “Blockade” wie beim Essen fester Nahrung hat. Manchmal, wenn er nicht nachdenkt, rutschen ihm (schwierige) Wörter raus und man hat dann den Eindruck, dass ihm das beinahe unangenehm sei und er wiederholt sie meist auch nicht mehr. Wir hoffen sehr, dass er bis zum Schuleintritt im nächsten Jahr mit der Sprache Fortschritte macht. Er versteht jedes Wort, jede Aufforderung blitzschnell, aber beim sprachlichen Ausdruck hat er nur wenige Worte.

 

Liebe Frau Berndt, ich kann mich nur wiederholen: DANKE, Danke dafür, dass Sie Julians und unser Leben so bereichert haben und uns täglich in unserem Leben mit ihren Gedanken und Worten begleiten und unterstützen.

 

Ihre

Doris Seidl


Rainer schrieb...

Merlind und LOVT - erstes Kennenlernen

Meine Frau und ich lernten Sabine Bernd in St. Virgil kennen. Genauer gesagt: wir hörten einen Vortrag von ihr über LOVT – Lösungsorientiertes Verhaltenstraining. Nun muss ich dazu sagen, dass ich mich eher für einen prozess- als einen lösungsorientierten Menschen halte, und auch, dass der Vortrag bei mir ambivalente Gefühle auslöste. Wäre meine Frau nicht wesentlich begeisterter als ich gewesen, wäre dieses Kapitel für mich damit schon beendet gewesen.

 

Ich wage mal eine kurze Rückschau auf unsere damalige Situation. Unsere Tochter Merlind hatte gerade ihr drittes Schuljahr an einer freien Schule, die sich an Montessori, Wild und Freinet orientiert, begonnen. Diese Schule verlangt den Kindern einiges an Selbstverantwortung ab, und immer wieder stellten wir uns die Frage, ob diese Schule für Merlind überhaupt geeignet sei. Zudem gab es zu Hause ständig uns Eltern fordernde Alltagssituationen. Ich merke, dass es mir schwer fällt, mich an damals zurück zu erinnern und herauszufinden, was denn das Anstrengende war. Vielleicht am ehesten, dass Merlind über lange Strecken stets unsere volle Aufmerksamkeit auf sich zog, oft durch Grenzüberschreitungen. Ihre Aufmerksamkeitsspanne war sehr kurz, die konzentrierte Arbeitszeit betrug einige wenige Minuten, und wir waren überfordert damit, sie „bei der Stange zu halten“. Sie neigte zu ziemlich explosiven Wutausbrüchen, wenn sie nicht ihren Willen bekam, denen wir mit einem gewissen Maß an Geduld bzw. Resignation begegneten.

 

Meine Frau also war so begeistert vom Vortrag, dass sie uns postwendend zum Workshop anmeldete. Ich wusste noch nicht, dass dieser Workshop einiges in mir auf den Kopf stellen, Paradigmen durchrütteln und Hoffnungsschimmer aufblitzen lassen würde.

 

Der Workshop war berührend, durchrüttelnd, belebend, nachdenklich stimmend… Ich sah so viele liebenswerte Menschen in ihrem Bemühen, ihren Kindern und sich selbst gerecht zu werden; ich durfte miterleben, wie raffinierte, über die Jahre verfeinerte Methoden der Verweigerung begannen sich aufzulösen. Anhand der Videos konnte ich wahrnehmen, was sich da innerhalb eines Augenschlags alles tun kann an Blick, Gestik, Mimik. Und ich sah die Freude und den Stolz der Kinder, wenn sie etwas Schwieriges gemeistert hatten. Das hing mir noch lange nach: dass ich durch meine bisherige (Zurück)Haltung meiner Tochter diese Erlebnisse in weitaus geringerem Maße ermöglicht hatte.

 

Nach dem Workshop haben wir Sabine nochmals in Leoben getroffen – und sowohl sie als auch Bernadette meinten, Merlind sei wie ausgewechselt. Ruhiger, konzentrierter, aufmerksamer, zugänglicher, reifer…

 

Was also waren die Erkenntnisse aus dem Workshop, die sich dann in der Praxis so wunderbar bewährten? Nachdem ich scheiterte, eine in sich schlüssige Zusammenfassung zu geben, möchte ich mal einfach einige Blitzlichter aufleuchten lassen, unvollständig, persönlich und ganz ohne Anspruch auf allgemeine Gültigkeit.

 

Reagiere schnell

Wenn Merlind und ich arbeiten, wird das Lernmaterial und eine kleine Schüssel mit einem Kartoffelchip darin und je nach Übung drei bis fünf am Schüsselrand festgeklemmten Wäscheklammern aufgebaut. Dann wiederhole ich die Spielregeln: „Wenn Du diese und jene Aufgabe gut und konzentriert gemacht hast, darfst du den Kartoffelchip haben. Jedes Mal, wenn Du Dich ablenken lässt oder schlampig wirst, nehme ich eine Klammer weg. Ist noch eine da, wenn Du fertig bis, bekommst Du den Chip. Sind alle Klammern weg, esse ich den Chip.“ Und dann geht’s los. Wenn Merlind sich ablenken lässt – „Ich sehe, Du kritzelst jetzt nur herum, ich nehme eine Klammer weg…“, und Schwupps, eine Klammer weg. Ohne viel Aufhebens. Meist funktioniert es wunderbar, dass sie bei der Sache bleibt. Mittlerweile können wir eine knappe halbe Stunde konzentriert arbeiten. Gelegentlich holt sie sich selbst die Schüssel, Kluppen und Chips, baut diese auf und arbeitet an einer selbst gestellten Aufgabe. Dass sie hier allerdings Kluppen ziehen würde, habe ich nicht beobachten können.

 

Sabine hat uns auf die Wichtigkeit hingewiesen (und mit ihren Videosequenzen auch eindrücklich demonstriert), wie wichtig es ist, innerhalb eines Sekundenfensters zu reagieren. Die erste Reaktion zählt. Und mit solch klaren Regeln in einem solch klaren Setting geht das auch ganz wunderbar. Ich wage zu behaupten, dass mit dieser klaren Regelung Merlinds schulisches, kognitives Lernen erst so richtig losgegangen ist.

 

Natürlich dauerte es, bis wir uns in dieses System eingefunden hatten. Es gab etliche Konflikte, die ausgetragen und begleitet werden wollten. Konflikte sind Beziehungsarbeit – noch so ein Credo, das ich mir vom Workshop mitgenommen habe. Das leitet nun elegant über zu

 

Sei konsequent

Der Alltag bietet jede Mange Reibungspunkte. Sei es, dass Merlind sich genau jetzt, wo das Taxi schon im Anrollen ist, beim Socken anziehen Hilfe möchte, oder dass sie ihren Teller nach dem Essen nicht wegräumen möchte. Die Regel ist klar: Merlind kann sich selbst anziehen, und Merlind kann den Teller wegräumen.

 

Wenn ich nun in eine solche Situation komme, habe ich die Freiheit mir einzugestehen: heute hab ich es eilig, heute trage ich das nicht aus, und zu sagen „Jetzt habe ich es eilig, darum ziehe ich Dir die Socken an“, oder aber dranzubleiben. Was aber auch bedeutet, dass ich dann und wann eine Stunde „abgestellt“ bin, um Merlind zu halten, zu begleiten, auf ihr Wiederauftauchen aus Wut und Ärger zu warten und sie dann dicke zu loben, wenn sie es geschafft hat.

 

Gebe Halt

Wenn Merlind übergriffig wird, sei es verbal, sei es körperlich, dann halte ich sie eng bei mir. Das habe ich schon früher oft gemacht, es ist mir nicht fremd. Aber ein neuer Aspekt kam durch Sabine hinein: der Blickkontakt. Immer wieder fordere ich sie auf, „schau mich an“ – was sie mitten im Konflikt nicht kann. Und sobald sie ein wenig in meine Richtung blinzelt: „Hey, du hast es geschafft, du hast mich schon kurz angeschaut, super!“. Auch das ist Beziehungsarbeit, und zwar die der heftigen Art. Aber wir beide, Merlind und ich, werden so sehr belohnt, wenn wir durchgehalten haben! Ein Blickkontakt, Kuscheln, Dankbarkeit, da geblieben zu sein. Das muss man aber selbst mal erlebt haben – Worte sind dafür nicht geeignet.

 

Wobei nicht verschwiegen werden darf, dass diese Haltesituationen hart an meine Grenzen gehen. Einerseits an meine physischen – Merlind ist stark, kräftig und ausdauern. Andererseits psychisch – zwischendurch werde ich dann und wann doch unsicher, wenn sich Entspannung nicht und nicht einzustellen scheint. Da hilft dann nur das Vertrauen in die bereits gemachten Erfahrungen.

Dieser Blickkontakt: wie wertvoll er ist, habe ich erst bei Sabine wieder gelernt. Mittlerweile sehe ich zu, dass Merlind und ich einander über den Tag verteilt immer wieder in die Augen schauen. Ohne es jetzt großartig begründen zu können: Tage mit viel Augenkontakt sind gute Tage. Augenkontakt heißt: ich sehe Dich, Du bist da. Du siehst mich, ich bin da.

 

Lobe das Kind in den Himmel

Ich war bislang ein Anhänger des stillen, aber qualitativen Lobens (Deine Zeichnung gefällt mir. Ich sehe, Du hast die Sonne sehr sorgfältig gezeichnet etc. ). Nie wäre es mir eingefallen, ein schon älteres Kind mit großem theatralischem Enthusiasmus in den Himmel zu loben – heute lobe ich, dass sich die Himmel rosa färben. Und es kommt gut an…

 

Was mir diesbezüglich am Meisten hängengeblieben ist: Wenn Merlind sich nach einem massiven Konflikt wieder beruhigt und z.B. nun doch ihr Geschirr wegräumt oder doch endlich ihre Aufgabe macht – großes Lob, kein verstimmtes „na endlich“ oder „wurde auch Zeit“. Eine große Würdigung der schweren Arbeit, aus der Wut herauszukommen, mit mir Kontakt aufzunehmen und wieder zu tun.

 

Genieße die Früchte

Der Alltag mit Kindern kann so anstrengend sein… So anstrengend, dass ich nur noch die Belastung sehe, nur noch das Schwierige, nur noch das, das nicht so rund läuft. Da brauchte es schon mal netten Besuch oder besondere Situationen, dass ich meine Kinder wieder liebevoll wahrnehmen konnte. Besonders bei Merlind war es so, dass die ganzen alltäglichen Konflikte die Liebe immer wieder in den Hintergrund gedrängt haben. Mittlerweile ist der Alltag doch ein wenig leichter geworden (aber ich sehe noch sehr viel Verbesserungspotential!), und vor allem: durch das miteinander Arbeiten schaffe ich freudvolle Situationen, in der Merlind mir zeigen kann, was sie alles kann und schafft. Es tut gut, wenn meine Frau und ich dann abends sagen könne, „Schau, das hat Merlind heute super geschafft. Das hat sie geschrieben, das gearbeitet.“

 

Facit

Der Workshop hat mir für mein Leben wertvolle Impulse gegeben. Wie es halt so ist im Leben, machen die Veränderungen nicht Halt an der Beziehung zu Merlind, sondern halten fröhlich Einzug in meine anderen Rollen, die ich so innehabe oder spiele. Dass meine Frau hier aktiv geworden ist, ist das vielleicht größte Geschenk der letzten Jahre, das sie uns gemacht hat.

 

Auch wenn ich den „Erfolg“ der Beziehungsarbeit sehe, so habe ich manchmal doch noch meine Schwierigkeiten damit, die Ideen aus LOVT mit der Idee einer offenen, viel Freiheit lassenden Begleitung meiner Kinder zu vereinen. Es scheint mir ein Widerspruch zu sein, auf der einen Seite das stringente, direktive Verhalten, und auf der anderen Seite das starke Eingehen auf Wünsche und Bedürfnisse der Kinder. Aber niemand hat gesagt, dass sich alles reibungslos ineinander fügen muss. Dann und wann stoße ich mich halt an der Kante zwischen diesen beiden Welten und bemühe mich, beide gelten zu lassen und bin froh, beide zu kennen.

 

Am liebsten würde ich ja sagen, dass ich LOVT wirklich allen empfehlen kann, aber das ist vielleicht übertrieben. Aber Menschen, die Interesse an einer guten, förderlichen Beziehung zu ihren Kindern und zu sich selbst haben und ein gewisses Maß an Selbstreflektion mitbringen – denen sei es wärmstens empfohlen.


Hallo Frau Berndt,

das Seminar mit Ihnen ist super angekommen. Sie sind ein toller positiver Mensch!

Durch die gute Mischung von Theorie und den vielen tollen Videos ist der Tag wirklich schnell verflogen.

Man konnte nicht nur für unsere besonderen Kinder mit ihrer eigenen "stark ausgeprägten Willenskraft" etwas mitnehmen, sondern auch für unsere "normalen" Geschwisterkinder. Wir haben wieder neuen Input erhalten, und wenn es mal deutlich schwieriger wird, vielleicht sieht man sich ja noch mal auf einem Ihrer Seminare wieder.

Vielen Dank!

Kleeblätter e.V.

Hallo Frau Berndt,

bitte um das Skript von Ihrer tollen gestrigen Veranstaltung im Eichsfeld.

Möchte Ihnen hiermit ein großes Kompliment für Ihre Arbeit aussprechen. Ihr Therapiekonzept mit Down-Syndrom-Kids ist bemerkenswert. Bin von hause aus Mototherapeutin und arbeite seid fast 14 Jahren mit Kindern an einer Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung im Eichsfeld.

Sie haben mich gestern tief beeindruckt und jetzt schon ein Stück geprägt.

Viele Dank dafür.

Wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Liebe Grüße nach Bayern.